Im Mittelalter entstanden in den Kirchen besondere Plätze für die Predigt, also die Auslegung des Bibelwortes und die geistliche Botschaft für die gottesdienstliche Gemeinde. Maßgeblich war ein akustisch günstiger Standort. Der fand sich zunächst an den Schranken zum Altarbereich (lateinisch “cancella”, daraus entstand das Wort Kanzel). Bald gewann auch die äußere Gestaltung an Bedeutung. Diese war von biblischen Inhalten mit besonderem Bezug zur Verkündigung von Gottes Wort geprägt. Der Deckel, also der obere Teil der Kanzel, ist nicht nur dekoratives Element, sondern hat als Schallreflektor eine wichtige Funktion.
In der kreuzförmigen Marienkirche ist die Vierung, die Kreuzung von Quer- und Langhaus, der akustisch beste Platz für die Kanzel. Nach ihr sind im 19. Jahrhundert die Bänke ausgerichtet worden, was deren ungewöhnliche Längsausrichtung erklärt.

 

Das erste nachreformatorische Kunstwerk der Marienkirche ist die Kanzel (im Plan Nr. 12). Sie ist im Jahre 1574 entstanden. Vermutlich hat sie der Holzschnitzer und Bildhauer Rudolf Stockmann geschaffen. Aus Antwerpen gebürtig, nahm er 1577 in Rostock seinen Wohnsitz.

 

Ihre besondere Wirkung hat die Kanzel durch die plastische und reliefartige Darstellung einiger Szenen aus dem Leben Jesu, wie die Anbetung des Kindes durch die Hirten, die Taufe Jesu, das Heilige Abendmahl und die Kreuzigung. Die einzelnen Szenen sind durch korinthische Säulenpaare voneinander getrennt. Darunter befinden sich die allegorischen Darstellungen der christlichen Tugenden. Das Lesepult wird von einem Pelikan getragen, von dem es heißt, dass er in Zeiten der Not seine Jungen mit seinem eigenen Blut speist, um sie so vor dem Tod zu bewahren. Der Pelikan ist die Symbolfigur für den Tod Jesu, der mit seinem Sterben die Menschheit vor dem ewigen Tod rettet.

Das Kanzelportal zeichnet sich durch besondere Schönheit aus. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter sehen wir hier dargestellt. Darüber zeigt ein weiteres, größeres Relief den Menschen zwischen Gesetz und Evangelium, repräsentiert durch Mose und Johannes den Täufer. Hinter diesen beiden sind biblische Szenen zu erkennen, die Gesetz und Evangelium verdeutlichen. Den Abschluss des Portals bildet der Kampf Jakobs mit dem Unbekannten am Jabbok. Der in zwei Stockwerke gegliederte Schalldeckel ist 150 Jahre später, 1723, durch die Rostocker Möller (Tischler) und Hartich (Bildhauer) hinzugefügt worden. Sie haben es verstanden, den Schalldeckel so auszuführen, dass er sich dem Kanzelkorb künstlerisch gut anpasst und mit ihm eine Einheit bildet. In zehn Nischen sind Bilder aus der Apokalypse (Offenbarung des Johannes) dargestellt. Ein Engel, der eine Posaune bläst, bekrönt den Schalldeckel.

Die Kanzel wurde im Jahr 2016 aufwendig restauriert. Die hier gezeigten Fotos sind vor der Restaurierung entstanden.

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